Reisebericht Radreise Baltikum - Estlands westliche Inselwelt

Das kleinste Land unter den baltischen Staaten hat für Radler viel zu bieten. Wir haben uns aufgemacht, die Inseln vor Estland mit dem Rad zu erkunden.

von Ulrike Scholze 

Nur 1,34 Mio. Menschen leben in dem nördlichsten der baltischen Staaten und mit nur 30 Einwohnern pro Quadratkilometer ist Estland recht dünn besiedelt. Zudem ist das Land relativ flach. Bei 4% Gefälle werden hier Warnschilder für die Verkehrsteilnehmer aufgestellt. Die Distanzen sind nicht weit, die Beschilderung der Radstrecken ist sehr gut und man findet sich leicht zurecht. Um seine eigene Sicherheit muss man sich hier auch nicht mehr Gedanken machen als zu Hause. Dazu kommen freundliche Menschen, leckeres Essen. Alles Gute Gründe, das kleine Land mit dem Fahrrad zu erkunden.

Wir haben uns entschieden, mit dem Auto nach Estland anzureisen und so kommen wir mit der Fähre von Kiel nach Klaipeda erst einmal in Litauen an. Wir sind überrascht, dass die Grenzübergänge nach Lettland und Estland komplett verlassen und schon halb verfallen  sind. Als wir vor 10 Jahren mit dem Fahrrad hier von einem in das andere Land gewechselt sind, wurde unser Reisepass noch von pflichtbewussten Grenzbeamten ordentlich abgestempelt.

Pärnu

 Kurhaus in Pärnu

Unsere erste Station in Estland ist der Kurort Pärnu. Hier schlenderten schon zu Zarenzeiten die Kurgäste die großzügig angelegten Alleen an den wunderschönen von prachtvollen Gärten umgebenen Holzvillen entlang.  Auch heute ist Pärnu als Estlands Sommerhauptstadt noch sehr beliebt bei in- und ausländischen Touristen. Und es ist ein schöner Spaziergang bis wir aus der kleinen Fußgängerzone am alten Kurhaus an der Strandpromenade angelangt sind.

  

Ein Blick in den Kursaal mit seiner Bühne und der Tanzfläche davor, dem etwas abgestandenen Geruch nach einer Mischung aus Bohnerwachs, der Holzvertäfelung und Küchengerüchen versetzt uns kurz gefühlte 50 Jahre zurück. Der Strand ist wunderschön, die Sonne geht unter und wir bedauern ein wenig, dass wir nicht noch einen Tag mehr Zeit in dieser schönen, entspannten Kurstadt verbringen können. Aber wir freuen uns auch auf Tallinn.

 

Tallinn

Die Stadt begrüßt uns am nächsten Tag bei strahlendem Sonnenschein. 3 Kreuzfahrtschiffe im Hafen verraten uns, dass die Stadt voller Touristen sein wird. Aber das macht uns nichts aus. Tallin ist berühmt für seine toll erhaltene Altstadt, die umgeben ist von einer alten Stadtmauer und den charakteristischen runden Türmen, die wie hochgewachsene Soldaten statthaft an der Mauer Wache stehen.

Haapsalu

Am nächsten Tag startet endlich unsere Radtour. Wir freuen uns nach der Stadtbesichtigung auf die menschenleeren Inseln. Im Fahrradverleih werden wir herzlichst begrüßt, erhalten noch eine Einweisung in die Routenbeschreibung für die nächsten 5 Tage und lassen uns mit samt den Fahrrädern bis nach Haapsalu, einem Kurort an der Nordwestküste des Landes bringen. Haapsalu ist bekannt und beliebt für seinen heilenden Schlamm. Aber auch ohne Kuranwendung kann man durch die Ruinen der mittelalterlichen Bischofsburg, entlang der mit hübschen Holzhäusern gesäumten Straßen bis hin zu dem mondänen Kursaal aus dem vorletzten Jahrhundert spazieren.

Unsere Fähre zur Insel Hiiumaa fährt um 13:00 Uhr und deshalb müssen wir so langsam losradeln. Es sind aber nur 10 km bis zum Fähranleger und so schauen wir uns auf dem Friedhof noch die auffallend vielen alten Gräber mit deutschen Inschriften an.

Hiiumaa

Auf einem alten Bahndamm geht es zur Fähre. Die Fährgesellschaft hat erst vor Kurzem in ganz neue Schiffe investiert und auch der Check-In ist gut organisiert. Mit dem Fahrrad auf eine Autofähre fahren hat immer etwas Besonderes. In kalten Wintern gibt es hier sogar offizielle Straßen über das Ostsee-Eis zur Insel. Die Überfahrt mit der Fähre dauert immerhin ca. 1,5h und dann werden wir endlich auf Hiiumaa von Bord gelassen. Nachdem alle Autos von der Fähre an uns vorbeigebraust sind, haben wir die Straße bis nach Kärdla fast für uns alleine.

 

So habe ich es mir vorgestellt. Die Sonne scheint, der Wind weht ein wenig und wir fahren durch wunderschönen Kiefern- und Birkenwald. Ab und zu ein kleiner Hof und siehe da….. ein Hinweisschild auf den nächsten Internet-Zugang. Die Esten sind hier unglaublich fortschrittlich. Überall hat man Internetzugang, und meist umsonst… Ob an der Bushaltestelle, im Café, am Strand und manchmal sogar mitten im Wald.

 

Kärdla (Hiiumaa)

Mit seinen 5.000 Einwohnern, immerhin 2 kleinen Einkaufsläden, einem Restaurant und einem Badestrand istKärdlader Hauptort von Hiiumaa. Hier befindet sich unser Etappenziel und unsere sehr liebevoll eingerichtete und nur 4 Zimmer umfassende Unterkunft mit einem bezaubernden Garten.

Am nächsten Morgen scheint wieder die Sonne für uns und wir machen uns auf in Richtung Süden, an alten Windmühlen und schön renovierten Bauernhäusern mit Ihren alten noch genutzten Brunnen und klitzekleinen Tante-Emma-Läden vorbei. Zweckbauten aus der Sowjetzeit stehen hier teils verfallen, teils aber auch noch bewohnt, wie alte Narben in dieser grünen und lieblichen Landschaft. Oft geht es schnurgeradeaus und minutenlang treffen wir kein einziges Auto.

Am Sääre tirp, einer immer enger zulaufenden Landzunge, die am Ende nur noch 1m breit ist, machen wir Pause. Die allerletzten Meter muss man die Fahrräder stehen lassen und zu Fuß gehen.

Saaremaa

Nun sind es nur noch wenige Kilometer bis zum Fähranleger. Die Fähre zur Insel Saaremaa geht erst um 18:00 Uhr und so haben wir noch Zeit, in dem Dorfcafé von Emmaste einen typischen Pfannkuchen zu essen und das Kommen und Gehen vor dem dortigen Einkaufsladen ein wenig zu beobachten.

Die Fähre zwischen den Inseln Hiiumaa und Saaremaa, der zweitgrößten Ostseeinsel, ist ein klein wenig älter und fährt eine knappe Stunde. Auf Saaremaa ist es dann nicht mehr weit für uns zu unserer Unterkunft in der Nähe von Leisi. Ein uralter zur Touristenfarm umgebauter Hof. Da nicht mehr viel los ist, haben wir das komplette Haupthaus mit 3 Schlafzimmern, Küche und großem Essbereich für uns alleine. Das ganze Haus ist aus riesigen Holzstämmen gebaut und strahlt so eine ganz eigene sehr heimelige  Atmosphäre aus. Es liegt schön im Wald. Da heute estnischer Nationalfeiertag ist, bekommen wir leider kein Essen serviert und müssen uns ausnahmsweise selbst versorgen. Aber die Umgebung hier entschädigt schnell dafür und eine Notration für solche Fälle haben wir immer dabei.

 

Der nächste Morgen begrüßt uns wieder mit Sonnenschein. Das erste Etappenziel für heute ist das Windmühlenmuseum von Angla. Hier sind 6 für die Inseln typische Windmühlen ausgestellt, die man fast alle auch von Innen besichtigen kann. Und dann geht es wieder weiter durch die Wälder der Insel zu dem Meteoritenfeld von Kaali. Der größte Meteoritenkrater ist 22 Meter tief und hat einen beeindruckenden Durchmesser von 110 Meter.

Das Restaurant nebenan wirbt mit selbstgebrautem Inselbier. Da können wir nicht widerstehen.Das müssen wir probieren. Und ich bin ehrlich gesagt beim Anblick dieser, einem Bananen-Milchshake ähnelnden Flüssigkeit auch froh, das kleinere Glas gewählt zu haben. Aber so schlecht schmeckt es dann auch gar nicht.

Kuressaare (Saaremaa)

Wir haben noch ein paar Kilometer bis zur Hauptstadt der Insel, Kuressaare. Hier bläst uns der Wind kräftig entgegen, aber die Sonne scheint weiter und so begrüßt uns die Kurstadt mit ihren schön leuchtend angemalten alten Holzvillen, den modernen Spa-Hotels und der mächtigen alten Ordensburg. Am Nachmittag besichtigen wir die Burg, die eine sehr interessante Ausstellung zur Geschichte der Insel beherbergt. Hier könnte man Stunden verbringen und nachlesen, wie die Bewohner in der Sowjetzeit gelebt haben oder wie viele von Ihnen zuvor in kleinen Holzbooten nach Schweden geflohen sind.

 

 

Kuressaare müssen wir leider schon am nächsten Tag wieder verlassen. Dieser entspannte Ort lädt eigentlich ein wenig zum Verweilen ein. Aber für uns geht es heute zur nächsten Insel: Muhu. Muhu ist über einen Damm mit Saaremaa verbunden. Und so müssen wir diesmal nicht die Fähre nehmen.

Unterwegs bietet sich die Möglichkeit, auf Holzstegen durch das Koigi-Moorgebiet zu wandern und von dem Aussichtsturm mit etwas Glück Kraniche zu beobachten. In Pöide dann treffen wir auf eine Kirche mit einem gewaltigen Turm. Trotz ihres recht schlechten Zustandes ist sie allein durch ihre massiven Ausmasse beeindruckend. Durch die dicken Mauern des Turmes zieht sich ein furchterregender Riss, sodass man Angst haben muss, dass er gleich in 2 Teile auseinander fällt. Aber zum Glück hält er während unserer Besichtigung zumindest noch durch. Auch wenn man unterwegs immer wieder besondere Kirchen, lokale Bäckereien, wunderschöne Dörfer u.v.m. zu besichtigen hat, so kann man auch kilometerlang einfach nur durch traumhaften Wald fahren und hat dabei genug Zeit für Tagträume. In Oressare, einem kleinen Ort auf Saaremaa essen wir noch im Café Sonenburg gut zu Mittag, bevor wir endgültig über den Damm die schöne Insel verlassen. Das Essen hier auf den Inseln ist immer richtig gut und für unsere Verhältnisse sehr günstig. Wir sind eigentlich nie enttäuscht worden. Und sogar den an Haferschleim erinnernden Brei, den es morgens am Frühstücksbuffet gibt, können wir unbedingt für Radfahrer empfehlen. Mit ein wenig Honig gesüßt, echt lecker und gut sättigend.

Muhu

 

Muhu ist unser Tagesziel die sehr liebevoll renovierte Vanatoa Touristfarm direkt neben dem Museumsdorf von Koguva. Das Dorf ist zum Teil zu einem Freilichtmuseum umgebaut, aber in einigen Häusern leben immer noch Menschen ihr ganz normales Leben. Ein sehr romantischer Ort mit einem kleinen Hafen, in dem man neben dem Fischereimuseum auch einen Kaffee bekommt und genüsslich auf die über der Ostsee untergehenden Sonne schauen kann.

Die Sonne lässt uns auch am letzten Tag unserer Radreise nicht im Stich und so gehen wir die letzten Kilometer unserer Tour an. Wir machen noch einen Abstecher zu dem zum Luxushotel umgebauten Herrenhaus Pädaste und radeln dann schließlich mal wieder zum Fähranleger. Nach einer nur 20 minütigen Überfahrt werden wir auf dem Festland wieder fröhlich begrüßt und mit unseren Fahrrädern in den Transporter geladen, mit dem es wieder zurück nach Tallinn geht.

 

 

Lahemaa Nationalpark

 

Da die Altstadt von Tallinn recht überschaubar ist, haben wir heute Nachmittag noch genügend Zeit einfach nur durchzubummeln und sie auf uns wirken zu lassen. Am nächsten Tag machen wir noch einen Tagesausflug (diesmal bequem mit unserem Auto) zum Lahemaa Nationalpark an der Nordostküste Estlands. Nur eine Autostunde von Tallinn entfernt, gibt es hier wunderschöne Küstenabschnitte mit alten Fischerdörfern, schön renovierten alten Gutshöfen, Moore, die auf Holzstegen durchwandert werden können und jede Menge Wald, in dem heute viele Esten zum Blaubeerpflücken abgetaucht sind. Der Nationalpark eignet sich auch toll für eine ein- bis zweitägige Fahrradtour.

Wir reisen am nächsten Tag bei wunderschönem Wetter und einem ebenso tollen Blick auf Tallinn ab und nehmen die Fähre nach Helsinki. Aber hier beginnt eine andere Reise….

 

Lust auf eine Radreise im Baltikum?  

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